Buch-MockupTotal durchgenallt- R-Evolution auf der Insel

Wir schreiben das Jahr 2050.

 

Die Ex-Sylterin Hanna nähert sich als Reporterin das erstmal seit 36 Jahren wieder ihrer Heimatinsel.
Sie reist per Luftschiff an:

Kapitel VI-Auszug

Die Landung

Hanna war gespannt, den greisen Urdig zu treffen. Sie kannte ihn aus ihrer Kindheit. Er war der Onkel ihrer Schulfreundin, mit der sie damals so viel Zeit am Rantumer Strand verbracht hatte. Von ihr hatte Hanna seit dem überstürzten Aufbruch in die USA nichts mehr gehört. Wie auch? Hanna meldete sich aus Amerika bei niemandem mehr. Sie hatte einfach ihre Vergangenheit hinter sich lassen wollen. Deshalb lag ihr jetzt der Gedanke an eine Begegnung mit ihrer Mutter Conny ziemlich quer im Magen. Sie hatten zwar nach Jahrzehnten des Schweigens vor einiger Zeit wieder lockeren Kontakt aufgenommen, aber im Grunde, war sie ihr fremd geworden. Hanna beschloss, ihr erst einmal aus dem Weg zu gehen und ihre Arbeit zu erledigen. Mit Urdig hatte sie sich für den kommenden Tag in seinem Uni-Büro verabredet.
Trotz seines stolzen Alters unterhielt der alte Weise nach wie vor seinen Sitz im runden Saal der Quelle. So nannten die Insulaner die Sylter Universität für lustvolles Lernen, die offiziell Campus Sylt hieß. Sie war auf einem Gelände in Rantum entstanden, das bis in die zwanziger Jahre von mehreren Kasernenbauten aus dem vergangenen Jahrhundert verunstaltet war und von einem auffälligen, kreisrunden Glasbau einer Trinkwasserquelle flankiert wurde. Die Architektur des Quellenhauses war später bei der Neuplanung des Campus Sylt maßgebend für das weitere Design des Platzes, nachdem die Kasernenbauten, sowie das nahegelegene Dorf-Hotel abgerissen waren. Um das Quellenhaus waren nun in konzentrischen Kreisen Hörsäle, Arenen, Praktikums- und Seminarräume gruppiert. Alles aus Baustoffen errichtet, die auf der Insel noch erlaubt waren, wie Holz, Glas, Stein, Klei, Lehm und andere Naturmaterialien. In erster Linie aus Maritimstahl, einem natürlichen Ersatzstoff, der auf der Basis von Byssusfäden, dem elastischen Klebsekret der Miesmuschel hergestellt wurde. Der alte Rantumer Segelhafen und das Vogelschutzgebiet Rantum Becken flankierten den Campus Sylt im Nordosten.
Hanna blickte fasziniert vom Liegepolster des Luftschiffes auf diesen merkwürdigen Ort hinunter. Aus der Luft sah der Komplex aus, wie ein magisches Mandala, das an die mysteriösen Kornkreise erinnerte, die in letzter Zeit weltweit immer häufiger aufgetaucht waren.
Urdig auf dem Weg zur Post in Westerland:
Facebook-Video oder Youtube-Video

 

 

Der Rückblick ins Jahr 2019

Auf Sylt ist die Lage angespannt. Die Bürgermeisterin Uschi Urban hat die Insel im Griff und unter totaler Kontrolle. Die Einzigen, die nicht belauscht werden können, sind die Wellenreiter draussen auf dem Wasser…

Kapitel XI- AuszugBuch-Mockup-Vorne&hinten

Die Unberührbaren

Es gab jedoch eine Szene, die sich, nahezu ungewollt und allein aufgrund ihrer Lebensphilosophie, dem Zugriff des Kartells entzog. Das waren die Surfer. Die Wellenreiter von Sylt bildeten das einzige verbliebene Netzwerk der Insel, das seit 2016 existierte. Eine logische Gegenbewegung zu Uschi Urban, zu Kommerz, Korruption, Hektik und Profitdenken.
Ein Board, das Meer und eine surftaugliche Welle. Soviel genügte ihren Protagonisten zu einem erfüllten Leben. Während andere sich die Hacken nach Aktienkursen, Häuserpreisen und Geschäftsideen abliefen, bewegten sich die Surfer über die Dünen zum Strand und warteten auf die passende Welle.
Manchmal hingen die schwarzen Neoprengestalten stundenlang auf ihren Longboards im Wasser: wie ein Fliegenschwarm, der sich bei jeder aufbauenden Welle plötzlich kurz auflöste, in verschiedene Richtungen über die Gischt stob und später kraulend an gleicher Stelle wieder zusammenfand. Dazwischen, als ultimativer Kick, ein Ritt mit dem Board in der Brandung des Lebens, das Gefühl eins zu sein mit dem Meer, eins zu sein mit dem Kosmos und der ganzen Existenz.
Wenn diese Jungs und Mädels nach einem gierten, dann nach Wasser, Welle, Naturgewalt, Geschwindigkeit, Strand und Meeresfrische. Das waren Güter, die kostenlos waren und die nicht korrumpierbar schienen. Draußen auf dem Wasser, beim Warten auf die Welle, hockten sie abhörsicher zusammen. Hier hatten sie jede Menge Zeit, um Geschichten auszutauschen, die für fremde Ohren nicht bestimmt waren. Unter den Surfern galt noch das Credo, was einmal für alle Insulaner gegolten hatte: Jeder hilft jedem und alle halten zusammen.
Die miese Entwicklung auf der Insel stieß natürlich auch den Wellenreitern unsanft auf, aber keiner von ihnen hätte deswegen Sylt verlassen. Wozu braucht einer eine billige Wohnung in Niebüll oder Husum, wenn sein Lebenszweck darin besteht, schon zum Sonnenaufgang das erste Mal über die Kante zu lugen und zu checken, ob eine Welle läuft und wie der Druck auf dem Wasser ist? Ins Meer reinlauschen, den Salzwind auf der Zunge schmecken und ganz weit raus zum Horizont zu spähen, das war ein sinnliches Erlebnis und mit Geld nicht aufzuwiegen.
Das Problem der Surfer war nicht die Wohnraum-Verknappung auf der Insel, sondern das zunehmende Gedränge auf dem Wasser. Surfen war in den vergangenen Jahren immer mehr zum Trend und schließlich Breitensport geworden.

 

Das Interview zum Buch (anlässlich der 2. Auflage Ende Mai 2016)

Interview mit Maria Wallbrecht
von Arbeit und Leben Schleswig-Holstein
für das Seminar „Utopia – Insel der idealen Gesellschaft“ 2016

Maria Wallbrecht: Lothar, Syltopia spielt auf deiner Heimatinsel Sylt. Welche Zielgruppe spricht es an?

Lothar Koch: Ich denke, das Buch ist sowohl interessant für Syltliebhaber als auch für Leute, die die Insel noch nicht kennen. Die Sylter Entwicklung ist ein Paradebeispiel für die sich zuspitzende Problematik an vielen Ferienorten und letztendlich für die Dynamik in unserer Gesellschaft. Man kann die Geschichte gut auch in die Berge oder an die Ostsee übertragen. Für Sylt-Liebhaber ist es ein Muss, weil ich viele Sylter Angelegenheiten über eine neue Perspektive beleuchte und das Sylt-Erlebnis so hoffentlich viel nachhaltiger wird.

Maria Wallbrecht: Was hat Dich veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Lothar Koch: Die Bürgermeisterwahl für die Gemeinde Sylt im Winter 2014/15. Eine schillernde Ex-CSU Politikerin und Landrätin aus Bayern hatte sich als BGM Kandidatin beworben. Es folgte ein skurriler Wahlkampf.
Sie wollte mit neuen Ideen auftrumpfen. Auf meine Frage an Sie, was Sie denn als erfahrene Landrätin Neues in Sachen Umweltschutz auf Sylt mitbringen wolle, sprach sie begeistert von der Einführung „gelber Säcke“. Da wusste ich, dass mit ihr etwas nicht stimmt:-)
Also dachte ich darüber nach, eine Satire dazu zu schreiben. Aus der Satire wurde das Buch Syltopia, das nur noch satirische Züge aufweist.
Letztendlich floss es mir aus der Feder und wurde zu einem gesellschaftskritischen Buch, in dem ich meine Perspektive auf die Folgen von Tourismus, Ausverkauf und Spekulation zum Ausdruck bringe und Lösungsansätze aufzeige, bzw. zum eigenen Phantasieren und Denken anrege.

Maria Wallbrecht: Wie würdest Du deine Utopie, die Du im Roman für Sylt und letztlich für die ganze Welt entwirfst, zusammenfassen?

Lothar Koch: „RIF”- Rückschritt ist Fortschritt. Bei aller Fortschrittsbegeisterung darf Augenmaß und Vernunft nicht auf der Strecke bleiben. Ferienorte müssen sich besinnen, wozu sie da sind und wie sie ihre Funktion als Erholungsort und Naturparadies erfüllen können und bewahren wollen.
Jeder Fortschritt sollte sich an einer gemeinsam abgestimmten Leitidee orientieren. Für die Ferieninsel Sylt könnte das Motto heißen: „einmalig schöne Naturinsel und heilsamer Genuss“. Daran wäre dann Fortschritt und ggf. erforderlicher Rückschritt zu bemessen, der so wiederum zum Fortschritt für das Leitbild werden könnte.
Um überhaupt ein Leitbild entwickeln zu können, müssten überzogene egozentrische Wünsche einzelner Individuen und Interessengruppen abgebaut werden. Das geht nur durch eine gesellschaftliche Veränderung. Gesellschaften verändern sich, weil Individuen sich verändern. Letztendlich ist also ein Entwicklungsprozess jedes Einzelnen erforderlich, damit sich die Gesellschaft hin zu mehr Achtsamkeit verändert.
Die Sylt-Dynamik ist ein Beispiel für unsere Gesellschaft. „Wie im Kleinen, so im Großen“.

Maria Wallbrecht: Ein Utopie-Roman erträumt eine noch nicht vorhandene, bessere Welt. Was macht Syltopia, neben technologischen Verbesserungen, zu einem solchen Ort?

Lothar Koch: Die Sylter durchlaufen in dem Roman eine innere und äußere Wende. Es kommt zu einer psychologischen Klärung und Transformation. Die alten Triebkräfte von Profitmaximierung, Eigennutz und Ellenbogenmentalität werden zu Gunsten von Gemeinsinn und Achtsamkeit verschoben. Die Gesellschaft besinnt sich auf das, was sie selber nährt, statt nur den reibungslosen Ablauf der Urlaubsmaschinerie im Auge zu haben. Dadurch wird das Leben auf der Insel wieder beschaulicher, nachhaltiger und lebenswerter für alle – Sylter und Gäste. Die Natur wird in jeder Hinsicht als Mitwelt geachtet- auch auf dem Speiseplan. Dadurch entsteht wieder mehr Bezug zu dem Geschenk des Lebens. Fengshui, also die sichtbare Ästhetik der Landschaft wirkt sich psychologisch auf die Achtsamkeit der Bürger aus.

Maria Wallbrecht: Die Syltopianer legen großen Wert auf Bewusstseinsschulung und energetische Verbindungen zum Göttlichen. Inwiefern machen diese Dinge deiner Meinung nach eine bessere Gesellschaft aus?

Lothar Koch: Die Sylter von heute sind dabei ihre Wurzeln zu verlieren oder zu vernachlässigen. Dadurch fehlt es an Gemeinsinn und „Inselspirit“. Die Besinnung auf die Leistungen der Vorfahren bis hin zur Steinzeit bewirkt bei den Syltopianern einen Richtungswechsel im Denken und Handeln. Zu der materialistischen Denke wächst wieder die Verbindung zur Dankbarkeit, Schönheit, Natur, göttlichen Existenz und Mystik. Das Leben wird tiefer und lebenswerter.

Maria Wallbrecht: In Syltopia ist das Entscheidende die Verbesserung des Menschen. Die Veränderung der schlechten Strukturen scheint danach relativ einfach zu sein. Wie könnte dies, nennen wir es „Umdenken weg von Gewinnmaximierung hin zum Wohlergehen aller“ auch ohne (unfreiwilligen) Drogenkonsum gelingen?

Lothar Koch: Die Annahme, dass wir die Gesellschaft verändern können ist ja uralt und hat nicht wirklich Früchte getragen, wie wir jeden Abend in den Nachrichten sehen können. Deshalb glaube ich an den Spruch: „wenn du die Welt verändern willst beginne mit dem Menschen den du jeden Morgen im Spiegel siehst“. Das ist mit den modernen Methoden der humanistischen Psychologie durchaus möglich (s. Human Potential Movement). Man muss es jedoch wollen und sich in einen Prozess der Selbstentwicklung begeben. Die meisten haben Angst davor, ganz persönlich alte Pfade zu verlassen. Im Buch brauchte ich aus dramaturgischen Gründen eine schnelle Wende – das ging nur mit der homöopathischen Droge. In Wirklichkeit ist das ein langsamer Prozess, der leider meist nur durch Leidensdruck in Gang kommt.

Maria Wallbrecht: In deinem Buch machst Du Sylt durch die Sprengung des Hindenburgdammes wieder zu einer richtigen Insel und diese, vernetzt mit anderen Inseln, zur Modellregion für die ganze Welt. Auch andere Utopie-Romane spielen auf Inseln. Hast Du eine Idee warum das so ist? Eignen sich Inseln besonders gut für das Schaffen einer besseren Welt?

Lothar Koch: Eine Insel ist wie ein Reagenzglas. Dort kann auf kleinem Raum mit genau umrissenen Rahmenbedingungen experimentiert werden. Äußere Einflüsse bleiben außen vor. So ist es für den Autor und den Leser einfacher, das utopische Bild einigermaßen nachvollziehbar und realitätsnah mitzugehen.
In Realität ist es auch so. Auf Sylt könnte man tatsächlich Modellprojekte durchführen, die in der Gesamtfläche Deutschlands erstmal zu utopisch wären (z.B. Alternative Verkehrsmittel etc.).

Maria Wallbrecht: Willst du uns Syltbildungsurlaubern etwas mit auf den Weg geben?

Lothar Koch: Diskutiert mit Syltern über Inhalte aus Syltopia. Fragt nach, was von den Beispielen im Buch tatsächlich so gewesen ist und wie sich Eure Vermieter die Zukunft vorstellen. Schreibt an Kurdirektoren, sprecht mit Gastronomen und äußert Eure Bedürfnisse als Gäste, die einem sanften Tourismus den Vorzug geben. Dann könnte Einiges von Syltopia wahr werden.

Maria Wallbrecht: Vielen Dank für das Gespräch!